Stärker als der eigene Wille – das Unterbewusstsein

Stärker als der eigene Wille – das Unterbewusstsein

Wie einem das eigene Unterbewusstsein in die Quere kommen kann und wie man es bändigt

„Immer wenn ich es eilig habe, renne ich irgendwo gegen und verletze mich!“ – „Jedes Mal wenn ich mich in einen Mann verliebe, stellt sich nachher heraus, dass es doch nur wieder ein Hochstapler war.“

Selbst kluge Leute können erleben, dass nicht alle Dinge so laufen, wie sie das gerne hätten. Gerade die Wiederholung von ähnlichen unwahrscheinlichen Störungen kann als Indiz dafür gelten, dass dann nicht der eigene Wille und die normale eigene Handlungsfähigkeit aktiv sind, sondern dass das Unterbewusstsein dazwischenfunkt. Die Verwirklichung der bewussten Absicht wird dann verhindert. Das kann so weit gehen, dass das Unterbewusstsein einen spontan verunglücken oder krank werden lässt:

Eine ziemlich überarbeitete Mitarbeiterin wurde gegen ihren ausdrücklichen Willen zu einer 300 km entfernten Konferenz entsandt, um dort ein zehnminütiges Referat zu halten. Sie fand das eine Zumutung. Auf dem Weg dorthin fuhr sie morgens gegen 6:00 Uhr auf der leeren Autobahn in die Leitplanke und an eine Weiterfahrt war nicht zu denken. Auf dem Rückweg im Abschleppwagen war ihr erster Gedanke: „Und jetzt fahre ich eben doch nicht zu der Konferenz!“

Wenn Sie sich selbst einmal fragen oder bei anderen Leuten beobachten, wie viele der eigenen bewussten Ziele tatsächlich erreicht werden, oder in wie viel Prozent der Fälle etwas dazwischen kommt, so werden sie gewiss Personen kennen, die sich tausendmal vornehmen pünktlich zu kommen, es aber fast nie schaffen. Sie werden auch Menschen kennen, die immer vorhaben, viel Geld zu verdienen und von ihren Ideen und Projekten schwärmen, es aber doch nie zu etwas bringen. Irgendwann kommen Sie dann vielleicht bei solchen Bekannten zu dem Punkt, an dem Sie sagen: „Der braucht mir gar keine Geschichten mehr zu erzählen, es ist doch immer dasselbe, es wird sowieso nichts daraus.“

In der Tat lohnt es sich zu prüfen, wie hoch der Anteil der erreichten eigenen und fremden Ziele ist, und wie nahe man damit der realen Verwirklichung kommt.

Vielen Menschen fehlt gewiss das Wissen darum, wie die Realität funktioniert. Deshalb erreichen sie die Ziele nicht. Sie sollten sich der Realität annähern, sich über deren Gesetzmäßigkeiten informieren und einen funktionalen Umgang mit der Realität einüben, dann haben sie gute Aussichten, ihre Ziele erreichen.

Anderen Menschen gelingen aber auch regelmäßig Projekte nicht, zu deren Umsetzung sie eigentlich fähig wären. Dann kann es an Störungen durch das Unterbewusstsein liegen. Diese können positiv oder negativ sein. Das unterscheiden zu können ist erfolgreich angewandte Psychologie und Selbsterkenntnis:

Negativ sind Verhinderungsmechanismen bei an sich neutralen oder positiven Zielen. Da können dann Selbstbestrafungsmechanismen, Ängste oder Aktivitätsblockaden dazwischen kommen. Diese verhindern dann das Erreichen der Ziele. Manchmal wirken dabei Verhaltens- oder Einstellungsmuster in einem weiter, die durch eigene frühere Erfahrungen eingebrannt wurden, oder die man von seinen Eltern übernommen hat. Wenn Einstellungen aus früheren Situationen auf andere Situationen übertragen werden, können sie gewissermaßen als Wiederholungszwänge weiter wirken.

Es gibt aber auch vermeintliche Störimpulse durch das Unterbewusstsein, die positiv sind und dem Selbstschutz dienen und einen hindern, in eine falsche Richtung zu laufen:

Ein normalerweise pünktlicher Mensch verpasste zwei Mal ein Treffen mit einem für ihn scheinbar wichtigen Geschäftspartner – einmal hatte er es schlichtweg vergessen – und erfuhr später, dass dieser bereits mehrere andere existenzbedrohlich betrogen hatte. Intuitiv schien sein Unterbewusstsein die Gefahr erkannt und das Treffen sabotiert zu haben.

Um die eigene Handlungsfähigkeit in Richtung erfolgreiche Umsetzung weiter zu entwickeln, ist es insofern einerseits hilfreich,

1. Wiederholungen wahrzunehmen,

2. die Verhaltensmuster, die in einem wirken zu entlarven und zu erkennen,

3. sich von solchen alten Mustern zu befreien,

4. eine Vertrautheit mit dem eigenen Unterbewusstsein zu entwickeln, dass man erkennen und verstehen kann, wenn es gelegentlich die Notbremse zum eigenen Schutz zieht.

Wenn man sich fragt, wie weit man seinem Unterbewusstsein vertrauen kann, hilft eine Differenzierung, die den unscharfen Begriff “Unterbewusstsein“ in drei Ebenen untergliedert:

1. Darin ist einerseits die eigene Seele (U1) enthalten, das ist die eigene Lebensenergie, die stets fließen und sich entfalten will uns dem eigenen Glück und der eigenen Gesundheit dient. Dieser Grundebene kann man vertrauen.

2. Als zweite Ebene (U2) ergeben sich aus ihr unsere Antriebe und Bedürfnisse, wie sie von Natur aus gegeben sind. Sich diesen ungefiltert anzuvertrauen, ist nicht sinnvoll. Sie müssen gesteuert werden, um konstruktiv in das soziale Umfeld einfließen zu können.

3. Die dritte Ebene (U3) ist die Ebene der Steuerung. Sie wird wesentlich durch in unserer Kindheit unbewusst übernommene und später erworbene Verhaltensmuster geprägt. Diese sind grundsätzlich einer Prüfung zu unterziehen. Neben den Erziehungsgrundsätzen, die uns mit guter Absicht beigebracht worden sein mögen, können wir auch Lebensgefühle wie Ängste, Depressionen, Minderwertigkeitsgefühle oder die Neigung zur Selbstüberschätzung übernommen haben. Solche Prägungen mit destruktiven Verhaltensmustern können einen so blockieren, dass sich die gesunden Impulse nicht durchsetzen können. Diesem Teil der Prägungen sollte man nicht vertrauen. Bei den meisten Menschen sind auf dieser Ebene Fehlprogrammierungen enthalten, weil es für das Unterbewusstsein einfacher ist, vertraute Muster, Strukturen und Verhaltensweisen zu reproduzieren, als neue, kreative Lösungen zu schaffen.

Es macht insofern einen erheblichen Unterschied, ob man sagen kann: „Ja, wenn mein Unterbewusstsein da nicht mitspielt, dann wird es wohl auch nicht das Richtige für mich sein“, oder: „Ich muss auf der Hut sein, dass mein Unterbewusstsein diesen Vorsatz nicht torpediert.“ Um diese Unterscheidung für sich treffen zu können, ist es hilfreich sich eine größer Zahl von Situation der Vergangenheit anzuschauen und dabei zu prüfen, wie sinnvoll und hilfreich – oder destruktiv – das eigene Unterbewusstsein agiert hat.

Die nächste Frage, die sich stellt lautet: Wie kann das Bewusstsein in der Selbststeuerung die Führung übernehmen oder wiedergewinnen?

Da Verhaltensmuster aus anderen Situationen und teilweise auch von anderen Personen übernommen worden sind, sind die ersten Schritt zu einer bewussten Selbststeuerung:

– Ich gehe meinen eigenen Weg und jede Situation ist anders.

– Man beginnt, mit dem eigenen Unterbewusstsein, insbesondere wenn es einen nicht zuverlässig unterstützt, zu verhandeln, dass es einen bei der Verwirklichung eines Wunsches unterstützt. Beispielsweise könnte man zu sich selber sagen: „Liebe Angst, bitte begleite mich auf meinem Weg, den ich jetzt gehen will, und beschütze mich vor Fehlern.“ Dann kann die Angst konstruktiv eingesetzt werden.

– Man durchschaut alte destruktive Muster aus alten Situationen und entscheidet sich bewusst für ein anderes Verhalten: „Meine Mutter ist, wenn sie wütend war, immer fortgelaufen. Ich mache das anders. Ich bleibe und verhandle um gute Lösungen.“

– Das Oberbewusstsein (OB) erhält wieder die Oberhand, wenn es die Impulse des Unterbewusstseins wahrnimmt, ernst nimmt und moderiert. Es nutzt nichts dessen Impulse zu unterdrücken. Sie bestehen darauf, wahrgenommen zu werden, und in das Gesamtpaket des eigenen Verhaltens integriert zu werden.

– Um dem Unterbewusstsein aktiv eine neue Programmierung zu kommunizieren, hilft es, sich die Erfüllung seiner eigenen Wünsche bildhaft und plastisch vorzustellen. Das wirkt stärker als es nur Worte und Gedanken können. So könnte man sich den Wunsch nach einer glücklichen Beziehung beispielsweise als harmonischen Tanz visualisieren oder finanziellen Erfolg durch ein mit vielen Geldscheinen gefülltes Portmonee.

– Noch stärker kann man auch sein Unterbewusstsein durch symbolische Handlungen beeindrucken: Das Grundprinzip dabei muss sein: Ein Symbol muss so klar sein, dass auch ein archaisches Unterbewusstsein es versteht. Bei einer Hochzeit steckt man sich beispielsweise gegenseitig Ringe an einen Finger. Eine Scheidung ließe sich vielleicht auch dadurch visualisieren, dass man den eigenen Ring mit der Kneifzange aufbricht und zerstört.

– Eine andere Form der Kommunikation mit dem eigenen Unterbewusstsein kann auch sein, seinen verschiedenen Persönlichkeitsanteilen unterschiedliche Namen zu geben, und diese dann abwechselnd das aussprechen zu lassen, was sie beizutragen haben:

OB: Ich will mich für diesen Job bewerben.
U3: Dafür bist du doch viel zu blöde!
U2: Ich glaube, in so einer Gruppe würde ich mich sehr viel wohler fühlen.
U1: Ja und da könnte ich mich wirklich weiterentwickeln.
U3: Aber wenn es nicht klappt?
OB: dafür entwickeln wir dann vorab einen guten Plan B.

Gehen Sie grundsätzlich davon aus, dass Sie nicht gegen ein sperriges Unterbewusstsein ankommen. Es ist stärker als Ihr Wille und verfügt über Eskalationsmöglichkeiten bis hin zu schwersten Erkrankungen oder Unfällen.

Im Ski-Urlaub mit seinen Freunden prahlte ein Mann, dass er außer seiner Verlobten, mit der er gerade telefoniert hatte, noch drei weiteren Frauen Heiratsanträge gemacht hätte und deshalb ständig guten Sex hätte. Sein Unterbewusstsein hatte aber dafür gesorgt, dass er sein Handy nicht richtig ausgeschaltet hatte, sodass seine Verlobte in den nächsten 20 Minuten alles mithören konnte, was er seinen Freunden erzählte.

Eine Klassen-Lehrerin, die sich über ein ganzes Schuljahr mit ihrer Abitur-Klasse überworfen und wegen nachgewiesener Ungerechtigkeiten vor Schülern, Eltern und Kollegen ihr „Gesicht verloren“ hatte, verunglückte am Morgen vor der Zeugnisüberreichung und verbrachte die Zeit der Zeugnisübergabe auf der Intensivstation im Krankenhaus.

Wenn Sie mit Ihrem Unterbewusstsein in Einklang leben wollen, müssen Sie mit ihm verhandeln. Wenn es auf Ehrlichkeit programmiert ist, wird es Lügen sabotieren. Wenn es auf Angst programmiert ist, verzögert oder behindert es alles. Wenn „Opfer werden“ die alte Grundstruktur ist, schafft es Situationen, in denen man Opfer wird. Um alte Störprogramme loszuwerden, muss man sie durch neue konstruktive ersetzen. Sagen Sie dann nicht mehr: „Hoffentlich passiert nichts!“, Sondern: „Ich gehe meinen Weg und alles gelingt!“

Sie können auch durchaus auf die positiven Kräfte Ihrer Seele vertrauen und sie aktivieren. Neben dem Setzen von positiven Grundsätzen, Bildern und Symbolen können Sie mit ihr auch so sprechen, wie sie es mit einem Schutzengel tun würden. Vielleicht staunen Sie dann, welche Kräfte plötzlich auf ihrer Seite wirken.

Winfried Prost

admin

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