Ängste sind schlimmer als Mauern

Von Winfried Prost

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Mauern und verschlossene Türen trennen uns voneinander. Viele Kilometer liegen oft zwischen uns. Was uns aber selbst in größter äußerer Nähe noch stärker voneinander trennen kann, sind unsere Ängste.

Zwischen uns können sich Ängste auftürmen wie die, verletzt, zurückgewiesen oder verlassen zu werden, schutzlos ausgeliefert, verlassen und allein zu sein. In uns kann sich die Panik aufbauen, verraten zu werden, wegen unserer Schwächen und Fehler verurteilt und als wertlos gebrandmarkt zu werden und auch solches Misstrauen trennt uns.

Der größte Teil dieser Ängste basiert auf uralten Erinnerungen an Erlebnisse, die wir selbst oder andere aus unserer Familie früher erlitten haben. Es sind Assoziationen, die uns mit panischen Begleitgefühlen vorgaukeln, heute und jetzt könnte uns genau das gleiche mit anderen Menschen und in anderen Situationen wieder geschehen.

So ziehen wir uns oft schon vorbeugend aus aktuellen Situationen zurück und fliehen vor anderen Menschen hinter unsere Ängste, die wir dann auch noch als unsere inneren Schutzmauern empfinden. Dabei wäre das, was wir befürchten jetzt vermutlich niemals tatsächlich eingetroffen. Trotzdem geraten wir in Panik und stürzen uns in Einsamkeit und schreckliche Gefühle, die uns – eigentlich völlig überflüssiger Weise – verzweifeln lassen.

Schamgefühle sind ebenfalls Ausdruck von solchen Ängsten. Aus Angst bloßgestellt zu werden und jenseits unserer Schutzmauern nackt dazu stehen veranlassen auch sie uns, uns zurückzuziehen und uns sowie unser Inneres zu verbergen.

So hat fast jeder von uns Schutzwälle und Mauern mit Schießanlagen in sich und um sich herum aufgebaut, um andere, die sich unerlaubt nähern, fernzuhalten, abzuschrecken und notfalls aus dem eigenen Umfeld abzuschießen.

Nicht nur frühere körperliche Verletzungen, sondern auch früher gebrochenes Vertrauen sind durchaus nachvollziehbare Gründe, uns vor erneuten Verletzungen zu schützen. Aber in manchen Familien heißt es auch über mehrere Generationen hinweg: „Man darf niemandem vertrauen!“ oder: „Männer sind einfach nur grob und verletzend!“ oder: „Die meisten Frauen legen ihren Männern doch irgendwann ein Kuckucksei ins Nest!“

Selbst wenn solche Sätze in der Einzahl für einzelne Personen der Vergangenheit richtig erschienen sein mögen, sind sie in ihrer Verallgemeinerung immer falsch. Vor allem machen sie einen blind für die Person gegenüber und für die aktuelle Situation.

Sie lösen Selbstschutzreflexe aus, was ja nicht immer falsch sein muss, aber zerstören auch die Vertrauensfähigkeit selbst zu den liebsten Menschen unserer nächsten Umgebung. Und je distanzierter und vorsichtiger wir mit denen umgehen, desto mehr fühlen die sich verlassen und umso eher verlassen sie uns. Ein Teufelskreis beginnt.

Vertrauen, das bei schmerzlichen alten Erfahrungen zerbrochen ist, ist in der Tat schwer zu reparieren. Vieles lässt sich nachher nicht mehr ändern. Aber die Übertragung auf andere Situationen könnte man versuchen zu vermeiden, indem man sich in der Gegenwart um eine sehr hohe Wachheit und Präsenz bemüht.

Wie befreit man sich von altem seelischem Ballast?

Um sich von all dem alten Ballast frei zu machen, um ihn ein für alle Mal abzuschließen und hinter sich zu lassen, gibt es verschiedene Wege und Methoden:

Vergebung, Sühne, Vollendung, Abnabelung oder eine starke Gegenwartspräsenz. Schauen wir uns alle fünf im Einzelnen an:

I. Vergebung

Was du selbst durch jemand anderen erlitten hast, oder was du bei anderen als Schuld siehst, durch die du dich und deine Familie noch belastet oder beschmutzt fühlst, kannst du vergeben.

Nicht, dass dir das leicht fallen muss oder durch ein einmaliges Nicken erledigt wird, es kann für dich Überwindung und seelischen Aufwand bedeuten. Es geht nicht um Entschuldigung oder Rechtfertigung des anderen, sondern vielleicht nur darum, von innen heraus zu sagen: „Ich vergebe es dir.“

Jesus gibt einmal die Empfehlung, einander nicht nur sieben Mal zu vergeben, sondern sieben Mal siebzig Mal. Betrachtet man das nicht nur als einen frommen und übertriebenen Spruch, sondern als eine psychologische Übungsanweisung, so musst du vielleicht das „Vergebungsmantra“ tatsächlich sieben Mal siebzig Mal ernsthaft und aus deiner Seele entspringend aussprechen, ehe du selber tatsächlich eine wirksame Vergebung schaffst.

Manchmal lässt sich eine Vergebung auch wie bei einem „Schuldenschnitt“ vollziehen. Es wird einfach ein Schlussstrich daruntergezogen und der Rest erlassen. Punktum.  

II. Sühne

Man kann auch, aber das wäre keine Pflicht, sondern ein großes Geschenk im Namen desjenigen, der schuldig geworden und vielleicht schon verstorben ist, eine (symbolische) Sühneleistung vollbringen.

Hat jemand beispielsweise einen erheblichen Beitrag zum vorzeitigen Tod eines Menschen geleistet, so könnten seine Nachkommen beispielsweise an seiner statt einem anderen, der in Not ist, Lebenshilfe gewähren.

Nach dem 2. Weltkrieg haben beispielsweise die überlebenden Nachfahren der Täter unter der Überschrift „Aktion Sühnezeichen“ in zerstörten Städten des ehemaligen „Feindes“ beim Wiederaufbau geholfen oder haben mit diesen gemeinsam Freundschafts- und Friedensaktionen gestartet.

Damit wird ein Ausgleich geschaffen. Das bedeutet Entspannung und Harmonie. Und genau das ist Frieden.

III. Vollendung

Im ähnlichen Sinne aber anders, weil es nicht um Schuld, sondern eben nur um Unvollendetes geht, lässt sich auch hier durch Vollendung eine Balance herstellen.

Von manchen alten Plänen oder Projekten, braucht man sich einfach nur zu verabschieden. Dann ist man auch wieder frei für die Präsenz in der Gegenwart.

Es gibt aber auch Projekte, die man nicht nur einfach fallen lassen möchte oder kann, sondern die vollendet werden sollten. Viele Studenten quälen sich über viele Jahre mit einem hinausgezögerten Studienabschluss und hätten mit etwas mehr Aufwand in viel kürzerer Zeit eine vollständige Entlastung vom Prüfungsstress erreicht, wenn sie nur endgültig bestanden (oder durchgefallen) wären.

Es gibt auch ererbte Projekte, für deren Vollendung man sich zuständig fühlt. Man darf da prüfen, ob man wirklich dafür verantwortlich ist und ob man das wirklich auf sich nehmen will. Manchmal fehlt ja nicht viel und es kann beglückend sein, ein Projekt noch im Namen des Vorgängers zu vollenden.

Manche Menschen übernehmen aber auch überkommene Projekte, die sie Jahre oder sogar Jahrzehnte ihres eigenen Leben kosten, und dazu führen, dass sie ihre eigene Identität verraten. Man darf auch zum Schutz der eigenen Person sagen: „Das war dein Weg und vielleicht war es sogar typisch für dich, etwas unfertig zurück zu lassen, und so ist und bleibt es jetzt eben…“

IV. Abnabelung

Abnabelung ist dann nämlich der folgerichtige Schritt. Bei der biologischen Geburt kann man es ja erleben, dass der Säugling von seiner Mutter abgenabelt werden muss, um eigenständig zu werden. Was im körperlichen gilt, lässt sich auch auf das Seelische und Soziale übertragen. Auch da darfst du dich abtrennen und dein eigenes Seelenleben entfalten, und dir deine eigene Familie, deinen eigenen Freundeskreis und dein eigenes soziales Umfeld suchen und schaffen.

Wieder eine Erinnerung an ein Wort von Jesus: „Lasst die Toten ihre Toten begraben“ – und folge du deinem Weg! Das alles muss ja nicht hart geschehen, das alles kann auch in Liebe und mit herzlichem und dankbarem Abschied geschehen, aber so kann es notwendig sein, sich von seiner Herkunft, aus alten, abgelebten Lebenskreisen zu befreien, und aufzubrechen zu neuer Lebendigkeit.

Im Ernstfall aber kann Abnabelung auch bedeuten, ein Messer zu nehmen und die Nabelschnur auch hart zu durchtrennen, denn ein unglücklicher Blutstau in der Nabelschnur kann auch zur Vergiftung von Mutter und Kind führen.

V. Gegenwartspräsenz

Ob man seine Aufmerksamkeit auf Vergebung, Sühne, Vollendung oder Abnabelung richtet, das Ziel dabei ist in jeder Hinsicht, sich von Altem, das einen belastet, das einem Ängste, Schuld- oder Minderwertigkeitsgefühle hinterlassen hat, zu befreien, um voll in der Gegenwart anzukommen.

Der Prozess der Befreiung ist also nicht mit den Punkten 1 bis 4 abgeschlossen. Danach ist der bewusste Schritt in die Gegenwartspräsenz notwendig: „Ich will dich sehen als den Menschen, der du bist! Ich will fühlen, was ICH für dich empfinde und was du für mich empfindest. Ich will dich nicht durch die getrübte, schwarze oder rosarote Brille anderer Erfahrungen sehen und erleben, dir nicht durch alte Ängste verzerrt begegnen, sondern wahrhaftig, in einer reinen Wahrnehmung und persönlicher Authentizität und Transparenz bei dir sein und mit dir sein!“

Genauso will ich die Straße, die vor mir liegt, klar so sehen, wie sie ist und nicht voller vorgestellter Monster und Gefahren, sondern so, wie sie heute eben ist. Und diesen Weg will ich gehen, zuversichtlich, dass ich in voller Präsenz in der Lage bin, alles zu meistern und zu bewältigen, was mir jetzt und heute begegnen wird.

Manchmal ist es nicht einmal leicht, seine inneren Barrieren selbst wahrzunehmen und zu lokalisieren. Sie liegen häufig genau im eigenen blinden Fleck. Gern gehen wir mit dir auf die Suche und spiegeln dir professionell, was wir als erfahrene Coaches bei dir sehen und helfen dir, leichter über deine inneren Hürden nicht nur zu klettern, sondern hinweg zu hüpfen.

Herzliche Grüße
von Winfried und Dawid

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