– oder: Wie du die ganze Wahrheit herüberbringst

Von Winfried Prost

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Wir alle haben gelernt: Verhalte dich so, dass die anderen dich mögen!

Das ist gut gemeint, aber was, wenn du einer anderen Person ein Feedback oder eine Wahrheit zu sagen hast, von der klar ist, dass sie ihr nicht gefallen wird? Wie leicht kommt man dann in Versuchung, entweder gar nichts zu sagen oder eine schön geschminkte halbe Wahrheit zu sagen.

Der Effekt ist dann beim anderen vermutlich gleich null. Und bei einem selbst verbleibt der Ärger und die Unzufriedenheit über den heikleren und unausgesprochenen Teil der Wahrheit. Man ärgert damit also nur sich selbst.

Zum Ersten, was ein Polizist lernen muss, gehört: Sich davon unabhängig zu machen, ob eine andere Person ihn mag. Ein Polizist muss die ganze Wahrheit sagen können: „Sie haben hier unzulässig auf einem Behindertenparkplatz geparkt und das kostet Sie jetzt 75,- €uro Strafe.“ Das findet der Autofahrer gewiss nicht nett, er wird den Polizisten nicht mögen, und dem Polizisten ist es von Amts wegen verboten, die Strafgebühr freundlichkeitshalber zu senken, damit der Bürger nicht wütend wird.

Gleichfalls darf aber auch der Polizist sich nicht vom Strafzettelempfänger provozieren lassen und selbst wütend werden. Dann könnte schnell eine Prügelei beginnen. Da der Polizist eine solche Auseinandersetzung als staatlicher Ordnungshüter gewinnen müsste, steigt die Versuchung seine Dienstwaffe einzusetzen. Das gäbe eine gefährliche Spirale der Eskalation. Ein Polizist muss also vor allem lernen, ruhig und klar zu bleiben.

Ähnlich ist es in Führungssituationen:

  • Chefs, die sich bei ihren Mitarbeitern anbiedern, damit die sie nett finden, werden von diesen meistens wenig geschätzt. Solche Vorgesetzte offenbaren einen Ansatzpunkt für Manipulation: Wenn sie abhängig von der Stimmung ihrer Mitarbeiter sind, lassen sie sich etwa durch Schmeicheleinen einlullen oder mit Aggressionen unter Druck setzen.
  • Eine autonom neutrale Führungskraft mutet ihren Mitarbeitern die vertraglich vereinbarte und entsprechend bezahlte Arbeit ohne weitere persönliche Stimmungsschwankungen und ohne sonderliche Aufmerksam auf die Emotionen der Mitarbeiter zu.
  • Ein autonomer charismatischer Chef dagegen reagiert nicht auf die Stimmung der Mitarbeiter, sondern erzeugt bei ihnen als „Motivationsgenerator“ die Stimmungen, die er sich bei seinen Mitarbeitern wünscht und erzeugt ein positives Arbeits- und Betriebsklima. Wie wichtig das ist und auch nur von einer Person abhängen kann, zeigt sich oft, wenn eine solche Person plötzlich ausfällt.

Autonomie ist eine Grundvoraussetzung für Autorität und Durchsetzungskraft. Wer schon vorher aus Angst, nicht geliebt zu werden, die Wahrheit schön schminkt, sie nicht ausspricht und um des lieben Friedens willen nachgibt, hat schon verloren. 

Viele Menschen kämpfen, solange sie sich in ihrer Autonomie noch nicht sicher fühlen, schroff und abweisend um ihre Grenzziehung und Selbstbehauptung. Manche weisen dann andere ab, stoßen sie zurück oder ziehen sich zurück. Wieder andere stellen sich kritisierend über andere, erniedrigen sie und bemühen sich zu ihrer eigenen Sicherheit um eine Selbsterhöhung.

Beides kann Partner verletzen oder provozieren und führt dann oft in erbitterte Streits und Auseinandersetzungen, in denen es auf einer tieferen Ebene eigentlich nur um die Rettung der jeweils eigenen Autonomie, des eigenen Selbstbestimmungsrechts, geht.

Eine souverän entspannte autonome Person, die in sich selber ruht, wird mit persönlicher Empathie die ganze Wahrheit freundlich sagen. Jede Botschaft kann man auch so zu vermitteln versuchen, dass ein anderer sie verstehen und die darin enthaltenen Impulse aufnehmen und in eine Lösung integrieren kann.

Wahrheit ist nicht eben nicht nur auf der Sachebene inhaltlich wahr, sondern braucht auch auf der Beziehungsebene eine angemessene emotionale Vermittlung, um nützlich wirken zu können. Ein wahrhaftiger Mensch, der schroff formuliert, spricht eben nicht nur sachgerecht, sondern im ungünstigen Fall emotional rücksichtslos und kann zum Auslöser eines Streits werden.

Jede Wahrheit kann in unterschiedlichen Formulierungen und unterschiedlichem Tonfall präsentiert werden: Wertschätzend mit freundlichem Tonfall, moderat und vermittelnd, oder als harte Zumutung „friss oder stirb!“

Im Sinne eines friedlichen Miteinanders wäre es vorteilhaft, Feedbacks so zu geben, dass sich der Adressat auch durch ein kritisches Feedback nicht verletzt fühlen muss, sondern darin zugleich Wertschätzung erkennt und das Angebot einer Chance, künftig etwas anders und besser zu machen.

So stehen wir im Zusammenleben, in der Zusammenarbeit immer in der Notwendigkeit, eine Balance von Autonomie und Empathie zu schaffen, die nicht auf Kosten von Wahrheit und Wahrhaftigkeit geht. Dazu gehört immer auch der Mut und die Entschlossenheit, autonom und stabil zu dem zu stehen, was gerade ist, aber auch eben die Kompetenz es situativ und personenbezogen angemessen zu übersetzen und zu transportieren.

Es geht dabei nicht darum, etwas schön zu schminken oder gar zu überschminken, sondern das, was ist, so kristallklar und einfühlsam zu zeigen, dass den Adressaten eine angemessene Auseinandersetzung mit der Realität möglich wird.

Manche Wahrheiten und Botschaften sind tatsächlich sehr schwer zu vermitteln. Das kann mit ihrer Brisanz, mit ihrer Komplexität oder hypersensiblem Menschen auf der Gegenseite zu tun haben. Es nutzt aber nichts, diesen Versuch zu unterlassen, weil die Diskrepanz zur Realität dadurch immer nur größer werden würde.

Oft muss man ein rechtes Kunststück vollbringen, dass man im Dunkeln den richtigen Schlüssel und das passende Schlüsselloch dafür findet oder anfertigt, um eine schwer verständliche oder schwer verdauliche Nachricht angemessen herüber zu bringen.

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