Tunneldurchstich zum Selbst

erschienen am 1. März 2012 im Pharmabarometer

Was ist eigentlich „ganzheitliche Lifebalance“ und was kann man dafür tun?

Wer man am Ende gewesen sein wird, entscheidet sich während des eigenen Lebens. Die Frage dabei ist: Entscheidet man es selbst oder lässt man es andere entscheiden? Die alte Aufforderung: „Werde, der du bist!“ (Pindar, 5. Jahrhundert v. Chr.) ist ein Aufruf, darüber nachzudenken, wer man eigentlich ist und sein will: Bist Du jetzt schon der, der du gewesen sein willst oder läufst du gar in die entgegengesetzte Richtung?

Lässt du dich treiben oder drängst du aktiv zur Verwirklichung deines wahren Wesens? Bist du verspätet, verhindert, oder schläfst du einfach noch? Wird dein Leben eine verpasste Gelegenheit gewesen sein oder sogar jeder Tag, jede Woche, jeder Monat und jedes Jahr? Was wirst Du bereuen, was wirst du vermissen, was würdest du später gerne damals getan haben?

Verpasste Gelegenheiten, verlorene Zeit, das kann in Häufung und Summe zur Krise und zum persönlichen Lebensdrama werden. Die Welt lacht unterdessen hämisch und schadenfroh. Die Menschen loben und belohnen einen am stärksten, wenn sie einen für ihre eigenen Zwecke benutzen können. Dafür entmutigen sie einen bei eigenen Impulsen und muten einem Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle zu. Wenn jeder an sich denkt und verlangt, dass andere ihn emphatisch und hilfsbereit unterstützen, dann „Wehe!“, wenn du an dich denkst. Dann bist du „egoistisch und asozial“.

Was gibt es Kostbareres als die eigene Lebenszeit? Und wie viele Zeiträuber sind unterwegs, sich ihrer zu bemächtigen und anderen damit ihr Leben und ihre Identität zu rauben? Ist nicht der Preis immer lächerlich gering, zu dem man seine Zeit bestmöglich zu verkaufen sucht? Von allem Geld der Welt kann man sich keine neue Lebenszeit kaufen. Die eigene Uhr läuft ab. Vielleicht ist man sich dessen lange nicht bewusst. Aber wer erst zum Schluss Bilanz zieht, merkt vielleicht zu spät, was er verpasst hat, und dass sich nachträglich nichts mehr ändern lässt.

Wenn man dann mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird (oder sich selbst damit konfrontiert), würde man vielleicht manches lieber anders getan haben. Damals hat man vielleicht unbedacht gehandelt oder sich um einen schnellen Vorteil bemüht, aber später erweist sich das alles als unveränderbar in die eigene Biographie eingraviert. Ein bewusstes und vorausschauendes Handeln, das sich an klaren eigenen Werten orientiert, wäre da frühzeitig von Vorteil.

„Was auch immer du tust, tue es klug und bedenke dabei das Ende“ ist eine alte, Pythagoras zugeschriebene Lebensweisheit. Ähnliches deutet sich im Satz: „Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang“, von Friedrich Schiller im Gedicht „Die Glocke“ an. Der Philosoph Baruch Spinoza (1632-1677) gibt die Lebensempfehlung, die Dinge und das eigene Verhalten gelegentlich „sub specie aeternitatis“, das heißt: „unter der Hinsicht der Ewigkeit“ zu betrachten. Alle drei Sätze verlangen die Klärung dessen, was man auf Dauer und im Ganzen eigentlich wirklich will. Sie können helfen, seine eigene Identität zu finden, sie zu bilden und zum Mittelpunkt und Maßstab des eigenen Handelns zu machen.

Aber man muss nicht auf alte Weisheiten zurückgreifen. Persönlicher und individueller ist es, sich Zeit zur Selbstreflexion zu nehmen und den Tunneldurchstich zu sich selbst zu unternehmen. Das bedeutet: sich Klarheit über die eigenen Maßstäbe und Lebenswerte zu verschaffen und darüber, wer man selbst eigentlich ist, sein will und später gewesen sein will. Dabei können sehr wesentliche persönliche Einsichten entstehen, Gefühle können sich klären sowie der persönliche Lebenssinn.

Natürlich hat man dann keinen Zauberstab, um alles in einen Idealzustand zu versetzen. Aber man kann daran arbeiten, in immer mehr Hinsichten mit sich in Einklang zu kommen. Das bewirkt dann eine gute biographische Balance, die ihren Schwerpunkt in der eigenen Mitte, im Selbst, hat. Von dort aus lassen sich dann äußere Polaritäten wie Pflicht und Freiheit, Beruf und Familie, Mühe und Lust ebenfalls in Balance bringen.
Wenn es gelingt, dieses dynamische Gleichgewicht im bewegten Prozess des Lebens immer wieder herzustellen, dann nennt man dies Gelingen: „Glück“.