Psychologie

Schön, dass Sie sich mit Ihren Fragen bei mir melden. Die Fragen, die Sie stellen sind klar, die Antworten aber nicht ganz einfach. In Deutschland zählen an vielen Stellen eben Scheine.

Insofern ist ein Psychologiestudium nicht falsch, ich würde Ihnen vermutlich auch nicht raten, es abzubrechen. Falls Sie aber schon kurz davor wären es abzubrechen, könnte ich Sie als Coach natürlich auch ermutigen, Ihren eigenen Weg zu gehen. Coach-Ausbildungen gibt es mittlerweile in großer Zahl und jeder Anbieter versucht, sie auf irgendeine Weise zu zertifizieren.

Das geschieht durch teils selbstgesetzte Maßstäbe wie Stundenzahl, Zahl der Übungscoachings, Erfahrung der Leiter und Stempel von irgendwelchen Verbänden, aber Sie werden selbst erkennen, dass das kein reelles Maß für einen guten Coach sein kann. Der eine hat schon 25 Jahre Führungserfahrung in der Industrie, der andere war Priester, wieder ein anderer ist eben erst 24 Jahre alt und hat zwar eine Coachausbildung aber wenig Lebenserfahrung. Da lässt sich viel zertifizieren und der Wert dabei ist relativ. Mittlerweile gibt es auch irgendwelche Coach-MBAs, für die man dann eine aufwändige Examensarbeit schreiben muss, für die man zwar vielleicht viel liest, aber keine Praxis im Coaching gewinnt.

 

Ich kenne zwei hervorragende Coaches, die 24 Jahre alt sind, zu dem ich fast jeden schicken würde, und auch zwei 70-Jährige im Rentnermodus, zu dem ich niemanden schicken würde. Aber auch eine 84-Jährige, zu der ich wieder jeden schicken würde. Insofern geht es vor allem um die eigene Person, die Hingabe, die man hineinsteckt in die Beratungstätigkeit, natürlich auch um ein Stück Erfahrung, aber man kann auch mit ganz einfachen Techniken, die man relativ schnell erlernen kann, sehr viel bei anderen Menschen in Bewegung setzen. Ich habe selbst seit meinem 23 Lebensjahr Seminare gemacht und mit jedem Teilnehmer Einzelgespräche am Ende geführt. Das ging auch schon von Anfang an erstaunlich gut. Jetzt gut 30 Jahre später habe ich natürlich mehr Erfahrung und bilde deshalb auch aus.

 

Für Sie sollte die Frage wichtig sein, ob Sie sich berufen fühlen, anderen Menschen als Coach beratend zur Verfügung zu stehen, Sie sollten prüfen, ob sich da im gesunden Wunsch anderen zu helfen, nicht ein übertriebenes Helfersyndrom versteckt und Sie sollten sehen, einige essentielle Coachingmethoden zu lernen, auch unbedingt familiensystemische. Ich kann Ihnen berichten, dass meine „Kundenbeziehungen“ als Vertrauensbeziehungen teilweise nun schon 30 Jahre halten. Wer sich einmal persönlich gemeint und gut beraten gefühlt hat, kommt irgendwann – und wenn es fünf oder 10 Jahre später ist – wieder, wenn er einen dann noch als Coach wiederfinden kann. Dafür kann man ja sorgen. Die Hauptschwierigkeit besteht im Start. Woher kommen die ersten Klienten? Bei mir kamen Sie aus Seminaren, die ich als Grundseminare für einen anderen hielt. Dann kam ein Veranstalter hinzu, der die Seminare durch viel Werbung füllte. Ich kenne kaum einen Coach, der nur vom Coachen lebt. Meistens gehören noch Seminare ins Programm. Oder man ist von einer Firma oder Institution als externer Coach mit einem längerfristigen Auftrag bedacht. Aber woher kennen die einen und wer hat einen da empfohlen? Da tut dann hin und wieder schon ein Zeugnis über eine absolvierte Ausbildung zum Coach gut. Aber letztlich ist muss man immer als Person von Angesicht zu Angesicht überzeugen, Vertrauen gewinnen und Lösungen mit einem Klienten erarbeiten, die dann auch funktionieren. Und das in jedem Coaching. Dann entsteht langsam ein Netzwerk, in dem man weiter empfohlen wird. Das geht meistens sehr langsam, aber wenn man es regelmäßig mit seinen Informationen nährt, entwickelt es sich. Da darf man dann nicht unterwegs den Mut verlieren, sondern muss rechnen, dass es erst einmal drei Jahre dauert, bis man wirklich spürt, dass es anfängt zu arbeiten und man regelmäßig Klienten bekommt. Der Markt ist insgesamt groß genug. Ein Marketingexperte hat vor ein paar Jahren verschiedene Branchen darauf hin durchleuchtet, welche Zukunft habe und kam dabei zu dem Ergebnis, dass der Beratungs- und Coachingbedarf auf lange Sicht weiter steigt. Sie gehen also auf diesem Pfad in eine trendige Richtung. Sie sollten ihn, wenn Sie ihn gehen wollen, konsequent und mit Herz und Verstand beschreiten. Sie werden nicht unbedingt schnell viel Geld damit verdienen, aber Vertrauen gewinnen. Für Ihren Broterwerb sollten Sie als Anfänger noch mindestens ein weiteres Standbein haben.

Winfried Prost