Müssen Führungskräfte Wahrsager oder Hellseher sein?

Erschienen am 25. 09. 2015 im Pharmabarometer

Wie kann man erfolgreich die Zukunft gestalten?

„Eine gute Führungskraft schafft Klarheit, löst Knoten auf und erreicht erfolgreich die gesetzten Ziele.“ Wie kann das gelingen? Welche Ziele soll man sich setzen und was sind die langfristig richtigen Maßnahmen, um erfolgreich die Zukunft eines Produktes oder eines Unternehmens zu gestalten?

Die Antworten auf diese Fragen sind preisverdächtig und viele Berater leben davon, sie gegen Bezahlung zu suchen. Oft prognostizieren Sie dabei auf abenteuerliche Weise zukünftige Entwicklungen und man fragt sich, ob sie hellseherische Fähigkeiten haben.

Die Vorstellung, Zukunft aktiv gestalten zu können, hängt mit Bildern über die Realität zusammen. Im Physikunterricht wurde vielleicht gelehrt, dass man bei Kenntnis verschiedener Einflussgrößen exakte Berechnungen anstellen kann: Ein Güterwaggon von x Tonnen Gewicht steht auf einer waagerechten geraden Schiene und erhält einen Schub von y Newton. Angesichts von Abzügen für Reibung und Luftwiderstand lässt sich dann in Abhängigkeit von der Temperatur berechnen, zu welcher Zeit er wo ist, und an welchem Punkt er stehen bleibt. Weitere Einflussgrößen wie ein langsamer Gewichtsverlust des Waggons durch einen regelmäßig auslaufenden Tank sowie eine teilweise Neigung der Strecke verkomplizieren zwar die Rechnung, lassen aber eine Vorausberechnung grundsätzlich möglich erscheinen.

Auf diesem mathematisch-physikalischen Weltbild basieren viele Entscheidungen im Alltag, auch wenn es sich dabei oft nur um grobe Schätzungen handelt. Dieses Bild der Wirklichkeit muss dennoch als „idealistisch“ bezeichnet werden, denn es setzt dreierlei voraus:

  1. dass alle Einflussfaktoren bekannt sind,
  2. dass sie berechenbar sind und
  3. dass solche Berechnungen im Vorhinein möglich ist.

Alle drei Prämissen sind falsch. Weder sind im Voraus alle Einflussfaktoren bekannt, noch sind sie alle (z.B. Entscheidungen von Menschen) berechenbar, noch kann das im Voraus gelingen, da sie ja nicht alle bekannt sind. Vor allem gibt es strukturelle Unberechenbarkeiten. Man braucht dafür gar nicht in die komplexen Modelle der Zufallsmathematik oder Quantenphysik einzusteigen, denn jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass es bereits bei einem Fußballspiel mit 22 Spielern nicht möglich ist vorherzusagen, wo der Ball in 60 Sekunden sein wird. Hier spielt nicht nur die Zahl der Spieler eine Rolle, sondern vor allem deren unendliche Vielzahl von unvorhersehbaren Entscheidungsmöglichkeiten, sowie das Misslingen ihrer Absichten beim Handhaben des Balles und den reflexhaften Reaktionen auf ihre Mitspieler.

Versucht man in diesem Vergleich die Komplexität und Dynamik des Weltmarktes darzustellen, so hätte man auf dem Fußballplatz letztlich beliebig viele Mitspieler mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Absichten, die zeitgleich unterschiedliche Spiele spielen. Zudem könnte man sich vorstellen, dass der Platz durch gelegentliche Regenfluten, Erdbeben und Vulkanausbrüche permanent verändert wird, dass jede Kleingruppe sich an andere Regeln hält, und dass jeder versucht irgendeinen von vielen Bällen, eingesetzten Würfeln oder Goldbarren mit Bestechung, Baggern oder Waffengewalt zu erkämpfen. Wenn dann noch jede Gruppierung ihre eigene Platzpolizei mitbringt und deren Truppen sich gegenseitig, gestört von pazifistischen Friedensgruppen, bekämpfen, wird das Chaos erst recht unüberschaubar. Die Schiedsrichter streiten sich zwischenzeitlich nicht nur mit ihren Mannschafen, sondern zugleich untereinander und flirten gleichzeitig noch mit anderen Personen aus dem Publikum.

Wenn man dann ab und zu mit einem Foto einen Zwischenstand feststellen wollte, könnte man dabei allerdings übersehen, dass es noch weitere, allerdings unsichtbare Einflussfaktoren geben könnte: Geheimdienste, die unter dem Platz ihre Tunnel gebaut haben und dadurch gelegentlich einzelne Mitspieler verschwinden lassen oder ersetzen, oder magnetisierte Bälle, die durch gesteuerte Magnetfelder in bestimmte Richtungen manipuliert werden. Wenn dann ein Teil der Mitspieler via Twitter die Nachricht erhalten würde, es gebe eine Bombendrohung, und andere die Information, an anderer Stelle sei im Wüstensand Gold gefunden worden, so könnten gleichzeitig Panik und ein Goldrausch ausbrechen. Wenn dann ein Drittel der Mitspieler versuchen würde, abrupt den überfüllten Platz zu verlassen, könnte dabei ein Teil der verbleibenden Akteure umgerempelt und verletzt werden.

An diesem übersteigerten Beispiel wird leicht sichtbar, dass die oben zuerst genannte Führungsdefinition unsinnig ist. Sie verlangt und behauptet Unmögliches. Nicht alle Ziele sind erreichbar. Und die Zukunft ist nicht immer planbar.

Die richtige Strategie für einen verantwortlichen Umgang mit der Realität kann deshalb nur sein, alle Abläufe darin im Bewusstsein der Vorläufigkeit jeglichen Bemühens und jeglicher Maßnahme stets in einem Prozess von Versuch und Irrtum, von Experiment und behutsam interpretierter vermeintlich empfangener Resonanz zu balancieren und eine beabsichtige Richtung zu lenken. Kein Punkt ist fix, nichts ist langfristig gültig, jeder Moment verlangt höchste Aufmerksamkeit und Präsenz und kann einen kompletten Maßnahmenwechsel erfordern, der jederzeit wieder überholt sein kann: Das Verbraucherverhalten kann sich nach Moden und Jahreszeiten ändern, jeder Börsencrash kann Ängste oder neue Begierden wecken, jedes Konkurrenzprodukt einen ganzen Markt umkrempeln, überraschende Flüchtlingsströme, politische Entscheidungen oder Krisen in scheinbar fernen oder belanglosen Ländern der Welt können alles verändern. Ein Tsunami, ein Vulkanausbruch oder der Klimawandel kann alles Bisherige infrage stellen. Ebenso kann der Ausbruch einer Seuche oder auch eine veränderte Geburtenrate kann von dramatischen und alles erschütternden Folgen sein. Aber auch eine Krise der eigenen Gesundheit oder privaten Situation kann eine Rolle spielen, wie auch der Verlust von wichtigen Mitarbeitern oder Experten in einer Firma.

Führen bedeutet also neben allen Zielen und Richtungen, die man setzt und anstrebt, immer auch, in voller Präsenz und Wachheit auf alle auftauchenden Veränderungen, neuen Möglichkeiten und Krisen, die jederzeit und an vielen Fronten auftauchen können, zu reagieren und vorwärts orientiert darauf zu antworten. Oft ist es dabei notwendig, viele Aspekte, deren kurz-, mittel- und langfristige Wechselwirkung auf einander längst nicht einzuschätzen ist, trotzdem gleichzeitig zu jonglieren.

Die Realität ist höchst komplex. Sich für einen allmächtigen Steuermann zu halten ist auf jeden Fall unsinnig. Ebenso irrational ist es aber auch, sich für einen Versager zu halten, wenn Manches nicht wie beabsichtigt gelingt. Das ist einfach nicht immer möglich. Was man aber zum Gelingen jederzeit beitragen kann, ist, seine eigene Wachheit, Präsenz und Wahrnehmungsfähigkeit zu üben und zu steigern. Zwar wird man im Ergebnis nicht hellsichtig, gewinnt aber wohl mehr an Klarsicht, Überblick und Einsicht. Die beste Gelegenheit dazu ist nicht in der Hektik des Alltags, sondern vielleicht in Zurückgezogenheit, in Meditation oder im externen, ganzheitlich reflektierenden Meta-Gespräch.