Lernen statt verzweifeln – wofür Enttäuschungen gut sind

Enttäuschungen sind das Ende von Täuschungen. Das sollte einerseits hilfreich sein, denn jetzt steht man der Realität klüger gegenüber: So geht es offenbar nicht.

Andererseits kann es schmerzen, wenn man voller Hoffnungen einen Versuch unternommen hat und er scheitert. Die Frage ist, wie man mit Enttäuschungen umgeht. Gerät man durch sie in Frustration und Depression, ist man entmutigt und resigniert, oder aber lernt man etwas draus und startet einen neuen Versuch?

Viele Menschen resignieren im Lauf ihres Lebens, wenn sie viele Enttäuschungen erlitten haben. Oft wird das dann für eine „typische Alterserscheinung“ gehalten. Es mag da zwar statistisch eine Parallele geben, aber es hat nicht wirklich mit dem Alter zu tun. Wohl aber mit erlernten oder erworbenen Verhaltensmustern. Manche Menschen machen nämlich tatsächlich immer wieder dasselbe falsch und geben jeden Monat mehr Geld aus, als sie haben. Wenn sie gelegentlich rechnen würden, ließe sich das mit etwas Aufmerksamkeit und Verstand vielleicht vermeiden.

Wieder andere werden vielleicht von ihren Gefühlen immer wieder dazu verleitet, sich regelmäßig in Partner zu verlieben, die nicht zu haben sind. Das in ihnen wirkende Verhaltensmuster scheint Sehnsucht und Schmerz zu suchen. Eine solche emotionale Fehleinstellung ist wahrscheinlich nicht mit der Vernunft zu beheben, kann aber wohl erkannt, reflektiert und vielleicht in einem Coaching oder einer längeren Therapie behoben werden. Andere Menschen geben schon nach dem ersten Versuch auf. Vielleicht haben ihre Eltern ihnen schon früh eingeprägt: „Es hat sowieso alles keinen Zweck!“ und sie wurden schon früh entmutigt.

Jede Enttäuschung ist ein Schritt Richtung Erkenntnis

Wenn ein Kind laufen lernt, hat es normalerweise den inneren Antrieb, auch nach tausend Mal Hinfallen immer wieder aufzustehen und einen neuen Versuch zu unternehmen. Hätte es diesen Impuls nicht, würde es nie den aufrechten Gang lernen.

Wenn man also nicht unter Wiederholungszwängen leidet, nicht mit untauglichen inneren Schablonen auf Menschen oder Situationen zugeht, sondern statt dessen lernfähig ist und nie den Mut verliert wieder aufzustehen, dann kann man jede Enttäuschung als einen weiteren Schritt zur Erkenntnis der Realität und zum erfolgreicheren Umgang mit ihr betrachten.

Wissenschaftler in der Forschung wissen das, wenn sie im Trial-and-Error-Verfahren oft über Jahre und Jahrzehnte experimentieren müssen, ehe sie ein neues Medikament, ein neues Material, eine ganz andere Lösung finden. Weil die Welt und das Leben eben nicht simpel sondern hochkomplex sind, kann man  es auch hoch spannend finden.

Als schrecklich dagegen mag man Enttäuschungen empfinden, wenn man selbst beim besten Willen keine Alternativen und Lösungen findet. Die Reflexion darauf, der Versuch Zusammenhänge zu verstehen und Klarheit über sich selbst, sein Umfeld und die Strukturen darin zu gewinnen, sind das Wesen von Praktischer Philosophie.

Darin wird Lebenshilfe und Lebenskunst nicht aus Wissen, sondern aus Verstehen und Bewusstmachen zu generieren versucht. Wenn man sich etwa bewusst macht, das nicht alles beim ersten Versuch klappen kann, dann ist vorläufiges Scheitern eine so selbstverständlich zu erwartende Normalität, wie das auch nach jeder Sättigung immer wiederkehrende Bedürfnis nach Essen oder analog das nach Schlafen. Auch wenn Regen einen nass machen kann, ist er doch gleichzeitig eine Voraussetzung für Fruchtbarkeit in der Natur und hat seinen Sinn.

Der Sinn der Enttäuschung

So hat es auch Sinn, wenn etwas nicht klappt. Wenn wir geboren werden, kennen wir ja noch nicht die Welt und wir müssen Schritt für Schritt lernen, wie sie funktioniert und wie wir sie gestalten. Wenn ein Kind etwa sein liebstes Spielzeug fallen lässt und es dabei zerbricht, könnte es einerseits wütend oder aggressiv werden, andererseits aber auch begreifen, dass es da etwas Unsichtbares wie die Schwerkraft gibt.

Versteht und akzeptiert man das, kann man doch, wie wir wissen, recht gut in der Welt leben. Würde man dagegen auf seinem Wunsch bestehen, dass alles schweben könne, würde man nicht nur ständig frustriert werden, sondern wegen seiner Starrköpfigkeit auch noch mit seiner Mitwelt in viele Konflikte geraten.

Enttäuschungen ergeben sich also als Feedback oder Resonanz unseres Verhaltens und sind insofern ein Anstoß zum weiteren Lernen. Versuchen Sie es also wieder, aber machen Sie’s anders! Denken Sie schräg oder quer oder suchen Sie sich jemand anderen, z. B. einen kritischen Freund oder Coach, der ganz anders denken kann als Sie in Ihren biografisch erworbenen Denkmustern, und der mit Ihnen neue und hoffentlich funktionierende Lösungen sucht.

Winfried Prost