Krankheit als Chance – Kranksein kann gesund machen

erschienen am 12. Mai 2014 im KSTA

Das Gute an der Diagnose ist: So viel wie jetzt habe ich mich noch nie mit mir beschäftigt. Die Krankheit ist für mich eine Gelegenheit, mich und meinen Körper kennenzulernen“, berichtet eine junge Frau im Internet.

Sie leidet an einer schweren Form von Endometriose, einer chronischen Erkrankung im Unterleib. Heftige krampfartige Schmerzen sind die Folge. Dennoch gewinnt die Frau der Erkrankung etwas Positives ab. Ohne sie hätte sie schließlich nicht „mal innegehalten und in sich geschaut.

Gut so, sagt Winfried Prost. So paradox es auf den ersten Blick klingen mag: Eine Krankheit ist für den Leiter der Akademie für ganzheitliche Führung in Köln immer auch eine Chance. „Körperliche Erkrankungen sind immer ein Zeichen dafür, dass im Leben der Person etwas schief gelaufen ist“, erklärt der 58-jährige Coach. Normalerweise seien Körper und Seele ein robustes System, das vieles abfedere und vieles aushalten könne. Werde das Gleichgewicht von Körper und Seele aber zerstört, werde man krank – organisch oder psychisch.

Balance zwischen Körper und Seele

Die Balance zwischen Körper und Seele in unserem Leben vergleicht Prost mit einer Schaukel, die an zwei Seilen hängt. Sie schaukele gleichmäßig, bis an einer Seite die Last zu schwer wird und das Seil reißt – und wir krank werden. Gesund werden könnten wir nur, wenn wir versuchten herauszufinden, was das Seil zum Reißen gebracht und die innere Balance gestört hat. So gesehen seien Erkrankungen eben immer auch als Chance zu verstehen, um mit sich und seinem Leben ins Reine zu kommen, betont Prost. Eine Chance, die viele nicht nutzen. „Krankheiten werden von den meisten Menschen als Last empfunden, die man möglichst schnell wieder loswerden möchte“, bedauerte der Arzt und Psychotherapeut Rüdiger Dahlke in einem Interview.

Ganzheitlicher Ansatz

Natürlich müssten schwere Erkrankungen schulmedizinisch behandelt werden, betont Winfried Prost. Allerdings sei es falsch, etwa mit Medikamenten nur die Symptome zu lindern. Wichtig sei im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes auch, darüber nachzudenken, was einem wirklich fehle und was zu den Symptomen geführt habe. „Jede Krankheit trägt eine Botschaft in sich“, sagt Prost. Diese gelte es zu entschlüsseln und zu fragen: Was visualisiert die Krankheit, was signalisiert sie mir? Ein einfaches Beispiel sei etwa ein Pickel auf der Haut. „Ein Pickel deutet immer an, dass etwas aus der Haut heraus will“, erläutert Prost. Was genau das sein könne, gelte es zu hinterfragen.

Die Botschaften, die Erkrankungen in sich tragen, seien meist individuell. Trotzdem gebe es „statistische Wahrscheinlichkeiten“ oder Muster, mit denen bestimmte Symptome auf dieses oder jenes hindeuteten. Eine Allergie etwa sei immer eine Abwehrreaktion und Allergiker oft Menschen, die – unbewusst – aggressiv gegen einen wirklichen oder vermeintlichen Feind reagierten. Er berichtet über eine junge Allergikerin: Sie reagierte hypersensibel auf Lärm oder auch Zigarettenrauch. Außerdem stellte sich heraus, dass sie Angst vor einer Festanstellung hatte und auch die Erbschaft eines Hauses nicht annehmen wollte. „In der Quersumme ergab sich eine Abwehr und Angst gegenüber allem Fremden und Neuen, das in ihr Leben eindringen könnte.“ In dem Moment, in dem die Frau dies für sich erkannt hatte und vor allem gelernt hatte, selbstbestimmt ihren Weg durch das Leben zu gehen, seien die Allergie-Symptome verschwunden.

Stress beeinflusst Immunsystem

Stress, Schicksalsschläge, traumatische Erlebnisse – all das hat Einfluss auf die Balance zwischen Körper und Seele und damit auf unser Immunsystem. „Alles, was in unserer Psyche unverarbeitet bleibt, führt zu Spannung in unserem Körper. Es verspannt Organe, verengt Gefäße, verlangsamt innere Abläufe, z. B. Reinigungsprozesse wie die Verdauung“, sagt Prost. Das so geschwächte Immunsystem suche sich dann eine Krankheit aus, die in irgendeiner Weise das Unverarbeitete visualisiert.
Dabei, so Rüdiger Dahlke, wäre es eigentlich das Beste, wenn man „nicht erst alles auf Körperebene eskalieren lässt“. Denn: Bis es zum Ausbruch einer Erkrankung kommt, gibt es Warnsignale – die freilich bei jedem ganz unterschiedlich ausfallen können. „Das kann schon ein harmloser Stolperer sein, auf einem Weg, den man schon 100-mal gegangen ist“, betont Winfried Prost. In der Regel aber bedürfe es des Zusammenkommens mehrerer dieser Warnsignale, bis die Psyche uns durch das körperliche Krankwerden zum Innehalten zwinge. „Wie eine Midlifekrise ist das aber eigentlich ein gesunder psychischer Mechanismus“, so Prost.

Leistungsgesellschaft

Doch warum gelingt das Innehalten oft erst, wenn man bereits krank geworden ist? Für Coach Prost liegt das auch an unserer heutigen Leistungsgesellschaft. „Früher war es so, dass man sich schon mit einer schlimmen Erkältung ins Bett legte und so zur Ruhe kam. Heute wird erwartet, dass man auch bei einer heftigen Grippe zur Not im Home-Office weiterarbeitet“. Da bedürfe es schon einer schweren Erkrankung sozusagen als „Alibi zum Innehalten“.

Wer etwa ein Knie entzündet oder ein Bein gebrochen habe, könne nicht mehr schnell gehen. Dadurch werde der gesamte Lebensrhythmus langsamer, man komme hoffentlich zur Ruhe, könne innehalten und dadurch vielleicht erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben und was dazu geführt hat, dass die innere Balance gestört wurde. Wer in der Krankheit erkennt, was schiefgelaufen sein könnte, könne daran arbeiten, wieder gesund werden, ermutigt Prost.