Existenzielles Coaching

Wie erkennt man einen erfahrenen Coach oder Lehr-Coach für existenzielle Krisen

Innerhalb eines Monats wurden mir als Coach zuletzt die folgenden Aufgabestellungen in Coachings vorgelegt:

– Wie stelle ich mein Leben als 48-jähriger Familienvater nach der überraschenden Kündigung meines für sicher gehaltenen Arbeitsplatzes neu auf?

– Wie gehe ich mit meinen Schuldgefühlen, meiner Frau und meiner Freundin um, nachdem ich meine Frau seit 32 Jahren betrüge und mich doch nicht von ihr trenne?

– Wie bekomme ich meine Panikattacken, wegen denen ich vier Monate ohne Ursachenbefund krank geschrieben war, so in den Griff, dass ich wieder arbeitsfähig bin?

– Wie kann ich als aktive 84jährige Unternehmerin mein Privatleben noch einmal so aufräumen, dass ich die Altlasten aus Jahrzehnten abarbeite?

– Wie kann ich mich als 56jähriger, dessen letzter Geschäftsführervertrag ausgelaufen ist, in einem Bewerbungsprozess um die Leitung einer 350 Millionen Umsatz Firma durchsetzen?

– Wie löse ich meine Ehe nach 28 Jahren auf, ohne meinen Mann zu zerstören?

– Warum drängt es mich trotz einer glücklichen Ehe mit Sex und Kindern zwanghaft zu Prostituierten?

– Darf ich als verheirateter Mann mit drei kleinen Kindern, dessen Frau seit drei Jahren im Koma liegt, deren beste Freundin lieben, die unsere Kinder mit versorgt?

Jeder dieser Menschen war in großer persönlicher Not und hatte die Hoffnung, bei mir Hilfe zu finden. Die Aufgabestellungen waren alle von lebensprägender Relevanz. Nach meiner Erfahrung hat es sich bewährt, bei solchen schweren und dringenden Anlässen Coachingsitzungen von dreieinhalb Stunden anzusetzen.

Mit schlichten Coachingtechniken und -tools lässt sich in solchen Situationen wenig ausrichten und damit würde man kaum als ernsthafter Gesprächspartner anerkannt. Viele Business-Coaches, die sich auf Behebung der kleinen Störungen des geschäftlichen Alltags und die Optimierung von Projekten spezialisiert haben, für solche Schicksalsfragen und die damit verbundenen Dramen und Tragödien menschlicher Existenz ohnehin nicht gerüstet. Aktiv freundliches Zuhören mit ein paar vertiefenden Fragen führt den Gesprächspartner dann eben nicht zu einer wirklichen Lösung. Und gute Ratschläge wie: „Arbeiten Sie an Ihrer optimalen Lifebalance“ helfen dann so wenig, wie ausgeklügelte Psycho-Modelle oder die besten Wünsche.

Eine existenzielle Lebenskrise stört nicht nur die Lifebalance, sondern kann einen Menschen zerstören. Zu ihrer Lösung braucht es erhebliche Empathie, Weitblick sowie profunde Lebenserfahrung. Erforderliche Lösungen müssen konkrete, praktische und pragmatische Maßnahmen beinhalten, die funktionieren und helfen. Da ist praktische Lebenskunst auf hohem Niveau gefordert.

Wie findet man dafür den richtigen, erfahrenen Coach mit der entsprechenden Problemlösungs- und Lebenskompetenz? Vor allem: Wie und woran könnte man diese Kompetenz eines Coaches erkennen? Sicher nicht am Zertifikat über die Teilnahme an einer Coach-Ausbildung. Sein Lebensalter oberhalb der 40 oder 50 mag ein Kriterium sein, aber es ist gewiss kein zureichendes. Vermutlich gibt es keine eindeutige Kriterien. Es mag aber in einem Vorgespräch lohnend sein, sich:

a) nach den persönlichen biografischen Krisen eines Coachs zu erkundigen, die er in seinem Leben zu bewältigen hatte und wie er damit umgegangen ist. Menschen mit eigener bewältigter Leidenserfahrung haben meist eine bessere Empathie für andere Leidende und aus der Erfahrung, eine Krise gemeistert zu haben. Sie verfügen auch über den Optimismus, die Zuversicht und den Ehrgeiz, einen Klienten bei der Bewältigung seiner Krise bis zu einer guten Lösung zu begleiten.

b) Außerdem kann auch die Frage nach seinen schwersten Coaching-Fällen und danach, wie er dort erfolgreich zu Lösungen beitragen konnte, eine sinnvolle Einschätzung seiner Erfahrung und Arbeitsweise ermöglichen. Ein erfahrener Coach sollte von erfolgreichen Lösungen und den Wegen dahin berichten können.

c) Ob ein Coach über eine weitgehende Empathie verfügt, dürfte man als Klient schon im ersten Gespräch beurteilen können, ob man sich nämlich wahrgenommen und verstanden fühlt und Mitgefühl und Anteilnahme empfunden hat.

d) Auch sollte man beobachten, ob ein Coach wirklich den Mut hat, sich Herausforderungen im Grenzbereich menschlicher Existenz wirklich zu stellen, oder ob er auf eine geschilderte Situation verunsichert reagiert.

e) Darüber hinaus spielt ganz wesentlich das Vertrauen und das innere Gefühl zur Person des Coaches die entscheidende Rolle. Es ist durch viele wissenschaftliche Untersuchungen gesichert, dass nicht in erster Linie die Methode, sondern die Beziehung zwischen Klient und Coach für den Erfolg einer Beratung ausschlaggebend ist.

Jedes Coaching, jede Problemlösung, ist ein einzigartiger Prozess. Dafür kann es vorher keine Erfolgsgarantie geben. Deshalb ist ein Beziehungs- und Vertrauensverhältnis, das auch über Durststrecken oder in Phasen, in denen noch keine Lösung sichtbar wird, hält, so wichtig. Sympathie kann solche Phasen überstehen lassen, eine Haltung kritischer Skepsis gegenüber einem Coach eher nicht. Lassen Sie sich also bei der Wahl eines Coaches nach Berücksichtigung rationaler Kriterien zuletzt doch vor allem von ihrem Gefühl leiten.

Entsprechendes gilt bei der Wahl einer Ausbildung zum Coach. Sie sollten sich vergewissern, dass Ihre Ausbildung von einem Lehr-Coach persönlich geleitet wird, dem Sie vertrauen, und der über eine wie oben beschriebene Coachingerfahrung und Lebenskompetenz verfügt. Wenn Sie verschiedene Angebote vergleichen, werden Sie sehen, dass das nicht immer selbstverständlich ist.