Welche Coachingthemen und -anlässen Ihnen begegnen können

„Ich denke schon, dass ich mich irgendwie mit meinem Chef arrangieren kann, er ist halt cholerisch, aber ich frage mich langsam doch, warum ich immer wieder an solche Chefs gerate?“

    „Eigentlich kann ich mit meinem Mann ja über alles reden, aber an diesem Punkt bekommen wir immer wieder Krach!“

    „Wenn wir diesen Großkunden jetzt nicht halten können, sieht es für unsere Firma sehr schlecht aus. Wie könnte man ihn vielleicht doch knacken?

     „Diese Affäre war der größte Fehler meines Lebens, und ich weiß gar nicht, warum mir das passiert ist. Und mit wem soll ich darüber reden, wenn ich nicht sicher bin, ob meine besten Freunde wirklich dicht halten. Meiner Frau will ich auf keinen Fall davon erzählen, die würde das nicht verstehen und sich vielleicht von mir trennen.“

     „Meine Frau liegt im Koma und ihr beste Freundin kümmert sich seit drei Jahren mit um unsere Kinder. Darf ich mit ihr eine Liebesbeziehung eingehen?

„Ich bin voll in die Drogen abgekackt, war drei Monate in der Psychiatrie, habe Schulden und weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Was soll ich tun?“

Versteckte Coaching Themen im Businessgespräch

Zuvor gestellte Fragen können auf Sie, als Coach einprallen. Das Spektrum ist breit gefächert und unvorhersehbar. Es kann um ganz normale berufliche Themen gehen, aber auch um ganz intime private Themen oder um Extremsituationen, auf die kein Coach der Welt fertige oder erprobte Antworten haben kann.

Vielfach schillern solche wirklich heiklen Themen in vermeintlich businessorientierten Gesprächen eher beiläufig auf, und verdrängen dann meistens, sofern der Coach sie wahrnimmt und mit aufgreift, die vordergründigen beruflichen Coaching Themen.

Häufig habe ich als Coach den Eindruck, dass die beruflichen unbewusst nur ein Vorwand sind, um einmal zu testen, ob ein Coach auch andere Themen aushält, aufgreift und zulässt. Sie sind nämlich die eigentlichen Belastungen, die jemand mit sich trägt und ohne diese zu lösen, können auch keine anderen Lösungen funktionieren.

Coaching ist für viele Menschen der einzige Raum im Leben, in dem sie ganz diskret die wirklichen Ängste, Dramen und Notfälle ihres Lebens besprechen, bearbeiten und hoffentlich einer Lösung zuführen können.

Das können Notfälle im Beruf sein, wo alle Kollegen und der Chef ratlos sind, Notfälle in der Familie, wenn eine Tochter mit Drogen oder ein Sohn mit Selbstmordfantasien aufgefallen ist, Zwiespälte, die einen zerreißen, wenn eine Wahl nicht mehr ohne Schmerz zu treffen ist: Bleibe ich bei meinen Kindern obwohl meine Partnerschaft längst am Ende ist und verzichte auf die neue Liebe, oder folge ich der neuen Flamme und muss eine Trennung von meinen Kindern in Kauf nehmen….?

Nicht dass ein Coach auf all das fertige Antworten hätte. Die müssen immer auf die jeweiligen Umstände und passend zur Person entwickelt, erarbeitet und dann umgesetzt werden.

Aber ein Coach kann manche Wahrheiten helfen auszusprechen, vor denen sich jemand bislang versucht hat zu drücken. Ein Coach kann als Spiegel dienen und mit Worten verstärkt und vergrößert zurückspiegeln, was der andere sagt, fühlt, ausdrückt oder tut. Und manche Wahrheiten oder Konsequenzen sind hart:

„Wenn diese Frau bald ein Kind will und du dir gerade mit dieser Frau keine Kinder vorstellen kannst, dann gibt es keine gemeinsame Grundlage dieser Beziehung. Dann wäre es konsequent sich zu trennen. Und meistens fühlt es sich besser an, aktiv zu sein, als nachher Opfer der Entscheidung anderer zu werden.“

Vertrauen, Vertraulichkeit, Diskretion, Nüchternheit, sowie die Fähigkeit neutral zu Spiegeln, ja auch harte Wahrheiten klar auszusprechen, oder einen völligen Perspektivwechsel zu ermöglichen oder eine gradlinige Konsequenz, das sind alles Qualitäten, die bei einem guten Coach gesucht und gebraucht werden.

Hinzu kommt: Lösungskompetenz. Dabei geht es um die Fähigkeit, sinnvolle, vielleicht neue, überraschende Lösungen zu erarbeiten, die auch praktisch funktionieren können, oder aber auch Lösungen, die auf einer unerwarteten anderen Ebene stattfinden können:

Gemeinsame Garantie an die im Koma liegende Ehefrau, im Fall ihres Erwachens eine Ehe zu Dritt zu führen.

Erkenntnis gewinnen: Ich bleibe gar nicht aus Liebe, sondern um Einsamkeitsgefühle zu vermeiden. Lösung: Ich reaktiviere meine besten Freunde.

Ich entscheide mich, nicht unter einem „Zwiespalt“ zu leiden, sondern lebe bis auf Weiteres die Fülle des sowohl als auch.

Ein Coach darf nicht und braucht nicht ein Sittenwächter der Konventionen zu sein, sondern er darf ermutigen, Konflikte zu entschärfen und zu entspannen, und er sollte freundschaftlich helfen, sie in eine erträgliche und lebbare Form zu bringen.

Wie statt entweder – oder

„Entweder – Oder“-Entscheidungen sind selten eine gute Lösung, und klängen sie noch so moralisch. Gerade daran verzweifeln viele Menschen und gehen daran innerlich zugrunde. Häufig gibt es auch ganz andere Lebens- und Lösungsvarianten, auf die man zuvor noch nie gekommen ist. Um sie zu finden, ist es vorteilhaft, wenn ein Coach barrierefrei denken und mitfühlen kann, sowie entsprechend zu neuen Ideen anregen kann.

Um ein Problem zu lösen, hilft oft die einfache Frage: „Wie?“. „Wie geht man damit um, wie lebt man damit, wie kann man eine Situation verbessern, wie kann man sie ändern oder sogar auflösen?“

Die Frage: „Darf man das?“ führt dagegen zu Urteilen, die eine Situation, die man nicht ändern kann und die bei einer negativen Antwort das Leben eher erschweren. Das kann nicht der Sinn von Coaching sein. Da ist ein konsequentes „wie“ oder „wie noch?“ wesentlich hilfreicher.

Vor allem sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, dass es für alles „ja/nein-Antworten“ gäbe, oder das alle Situationen schmerzfrei oder ohne ein Restschuldgefühl aufgelöst werden könnten.

Oft ist der Schmerz bei Lösung A oder B oder C voraussichtlich gleich groß, ohne dass es eine Lösung D gäbe. Hier gilt auch: „Alles hat seinen Preis.“ Und bei fast jedem heftigen Konflikt hat man selbst bereits Beiträge dazu geleistet, die offenbar eine Wirkung gehabt haben, die man nicht vorausgesehen hat, man war also, oft schuldlos, auch Mitverursacher.

Davon kann einen kein Coach freisprechen. Die bestmögliche Lösung in einem Coaching kann also Spuren von Schmerz und Schuld enthalten und doch mag es keine bessere geben. Darauf kann ein Coach hinweisen und zugleich ermutigen, vorwärts zu gehen, weiter auf dem eigenen Weg und aus allem, was kommt, immer wieder das Bestmögliche zu machen.

Schon auf seinem Lebensweg nicht zu resignieren und aufzugeben, ist ein großer Gewinn, auf den man stolz sein kann. Man kann auf vieles Verzichten und viele sinnlose Kämpfe beenden.

Wichtig bleibt, wieder oder weiterhin an sich selbst zu glauben, aufrecht zu bleiben und weiter zu gehen. Dazu kann vor allem ein Coach ermutigen, der es in seinem eigenen Leben genauso hält und der eigene Krisen schon erfolgreich  gemeistert hat.

Winfried Prost